Entscheidung

bon_bio_entscheidung„Wir müssen täglich entscheiden…“

„Die große Zerrissenheit unserer Ideale, unserer menschlichen Ordnungen und Gefüge stellt uns täglich neu vor die Frage: Was sollen wir tun? Wir müssen täglich entscheiden zwischen diesem und jenem Ideal, sei es politischer oder sei es erzieherischer Natur, sei es in Fragen der persönlichen Lebensführung … Wie soll ich erziehen, wie soll ich mich als Staatsbürger verhalten, wie soll ich meine Ehe gestalten? All diese Fragen sind … für uns offene Fragen geworden.“
(Dietrich Bonhoeffer in einer Predigt 1932)

Von New York nach Berlin zurückgekehrt, wird Bonhoeffer auch in Deutschland mit sozialen Problemen in bis dahin unbekanntem Ausmaß konfrontiert. Infolge der weltweiten Wirtschaftskrise ist die Arbeitslosigkeit dramatisch angestiegen. Lohnkürzungen und Kurzarbeit sind an der Tagesordnung. Nach Meinung vieler ist die Weimarer Republik unfähig, die wirtschaftlichen Probleme zu lösen und das soziale Elend wirksam zu bekämpfen. In diesem Umfeld bekommt die von Adolf Hitler geführte NSDAP starken Zulauf. Unter der Regie von Joseph Goebbels, „Gauleiter“ von Berlin und Reichspropagandaleiter, gelingt es dem Nationalsozialismus, mit Aufmärschen und Propaganda-Phrasen von Ordnung, Disziplin und Volksgemeinschaft sowie Rassenhass zu einer Massenbewegung quer durch alle Schichten der Bevölkerung zu werden.
Noch vor seinem New Yorker Studienaufenthalt hatte sich Dietrich Bonhoeffer an der Berliner Friedrich-Wilhelms Universität mit der religionsphilosophischen Schrift „Akt und Sein“ für das Fach „Systematische Theologie“ habilitiert. Er ist der jüngste Privatdozent der Universität. Seine Vorlesungen und Seminare fallen durch ein unkonventionelles Herangehen an die Fragen des christlichen Glaubens auf. Außerhalb der universitären Veranstaltungen organisierte Abende und Ausflüge tragen dazu bei, dass sich bald ein studentischer Kreis um Bonhoeffer bildet, aus dem eine Reihe enger Mitarbeiter im Kirchenkampf nach 1933 hervorgehen wird.
Nebenbei versieht der Privatdozent das Amt eines Studentenpfarrers an der Technischen Hochschule in Charlottenburg, das soeben von Generalsuperintendent Otto Dibelius errichtet worden ist. Mitten in dieser Aufgabe erreicht ihn der Auftrag der Kirchenbehörde, eine „verwilderte“ Konfirmandengruppe in einem Arbeiterviertel zu übernehmen. Bonhoeffers „neue Gemeinde“ an der Zionskirche sprengt die soziale Grenze der bürgerlichen Kirche. Er mietet ein Zimmer nördlich des Alexanderplatzes, um in der Nähe der Konfirmanden wohnen zu können. Nach der Konfirmation fährt er mit ihnen in das Ferienhaus seiner Eltern.
Zur selben Zeit entsteht auch mit Freunden und Studenten der Plan einer Jugendstube für arbeitslose Jugendliche nach Anregungen der „Sozialen Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost“. Die Realisierung wird durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten vereitelt: Eine der Initiatoren, Anneliese Schnurmann, ist Jüdin, einige der betroffenen Jugendlichen werden bereits als Kommunisten verfolgt.

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