Finkenwalde

bon_bio_finkenwaldeFinkenwalde – Illegale Predigerausbildung

„Alles, was wir hier tun, ist nun illegal und wider das staatliche Gesetz.“
(Aus dem Brief eines Finkenwalder Vikars)

„Die Brücken werden abgebrochen, und es wird einfach vorwärts gegangen. Man ist herausgerufen und soll ‘heraustreten’ aus der bisherigen Existenz … Das Alte bleibt zurück, es wirdganz hingegeben … Der Ruf in die Nachfolge ist also Bindung an die Person Jesu Christi allein, Durchbrechung aller Gesetzlichkeiten durch die Gnade dessen, der ruft.“
(Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge)

Die Bekenntnissynode von Berlin-Dahlem hatte beschlossen, die so genannten Bruderräte als eigene kirchliche Leitungsgremien gegen die offizielle Reichskirchenregierung einzusetzen. Eine der ersten Maßnahmen der Bruderräte ist die Errichtung eigener Predigerseminare zur Ausbildung der künftigen Pfarrer. Damit sollen die deutsch-christlichen Ausbildungstätten umgangen werden, auf denen man den Ariernachweis als Aufnahmebedingung verlangt.
Im Sommer 1935 ändert das NS-Regime seine Kirchenpolitik. Reichsbischof Müller wird fallengelassen und Hanns Kerrl zum Kirchenminister ernannt. Das „Befriedungskonzept“ sieht die Errichtung von Kirchenausschüssen vor, in denen alle kirchlichen Gruppierungen vertreten sein sollen. Ein Großteil der Bekennenden Christen nimmt das Angebot zur Mitarbeit an, eine Minderheit versteht sich weiterhin als Bekennende Kirche mit dem Anspruch, die eigentliche Evangelische Kirche in Deutschland zu sein. Bonhoeffer gilt als „geistiger Kopf“ dieser Minderheit, die zur illegalen Gegenkirche geworden ist, gegen die das Regime mit allen Mitteln der Repression vorgeht. Zunächst noch vorsichtig, weil 1936 die Olympischen Spiele in Berlin bevorstehen, und daher Rücksichtnahme auf die öffentliche Meinung des Auslandes angebracht ist.
Im Predigerseminar Finkenwalde geht es nicht nur um die Vermittlung theologischen Fachwissens, sondern auch um einen neuen Lebensstil. Denn keiner der Finkenwalder Vikare kann damit rechnen, als wohlbestallter Pfarrer der Amtskirche arbeiten zu können. Die jungen Vikare müssen sich über ihre persönliche Lebensperspektive klar werden. Das Predigerseminar wird zu einem Ort der Selbsterfahrung und zu einem Experiment intensiven Zusammenlebens: mit Morgen- und Abendandachten, Meditations- und Schweigezeiten, theologischen Diskussionen, aber auch gemeinsamen kulturellen und sportlichen Unternehmungen. Aus der Finkenwalder Zeit sind die bekanntesten Bücher Dietrich Bonhoeffers hervorgegangen: „Nachfolge“ und „Gemeinsames Leben“.
Als die Gestapo Finkenwalde im August 1937 schließt, wird die illegale Predigerausbildung noch eine Zeitlang in Sammelvikariaten fortgeführt. Bald nach Kriegsbeginn muß sie endgültig beendet werden. Das ganze Projekt Finkenwalde wäre nicht möglich gewesen, hätte es nicht die tatkräftige Unterstützung einiger Pommerscher Adelsfamilien gefunden. Zu den besonderen Förderern des Predigerseminars gehört Ruth v. Kleist-Retzow, die Großmutter der späteren Verlobten Dietrich Bonhoeffers, Maria v. Wedemeyer.

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