Judenverfolgung

bon_bio_verfolgung„Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen!“

(Dietrich Bonhoeffer, 1938)

„Die Kirche war stumm, wo sie hätte schreien müssen … Die Kirche bekennt, die willkürliche Anwendung brutaler Gewalt, das leibliche und seelische Leiden unzähliger Unschuldiger, Unterdrückung, Hass und Mord gesehen zu haben ohne ihre Stimme für sie zu erheben, ohne Wege gefunden zu haben, ihnen zu Hilfe zu eilen.

Sie ist schuldig geworden am Leben der schwächsten und wehrlosesten Brüder Jesu Christi.“
(Dietrich Bonhoeffer, Ethik)

Die Nationalsozialisten haben von Anfang an keinen Zweifel daran gelassen, dass der Kampf gegen die Juden und das Judentum der zentrale Punkt ihres Programms ist. Bereits am 1. April 1933 kommt es zum Boykott jüdischer Geschäfte. Das Gesetz zur „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ bringt viele jüdische Mitbürger um ihren Beruf. Im September 1935 machen die „Nürnberger Rassegesetze“ Juden zu rechtlosen Bürgern. Das Schild „Juden unerwünscht“ hängt nun in Kinos und Schwimmbädern, Restaurants und Universitäten. „Mischehen“ sind verboten, Liebesbeziehungen zwischen „Ariern“ und „Juden“ verfemt.

Am 9. November 1938 werden Synagogen, Geschäfte und Wohnungen der Juden verwüstet. Der Pogrom, den die Nationalsozialisten verharmlosend „Reichskristallnacht“ nennen, wird zum Auftakt einer Verfolgungswelle, die für Millionen Juden nach dem Beschluss über die „Endlösung der Judenfrage“ in den Vernichtungslagern endet.

Es gibt nicht viele Christen im Dritten Reich, die gegen die fortschreitende Diskriminierung und Verfolgung der Juden ihre Stimme erheben. Dietrich Bonhoeffer ist einer von ihnen. Rückblickend erkennt er darin das große Versagen der Kirche, dass sie sich auf die „Judenfrage“ nur soweit eingelassen hat, als davon auch der innerkirchliche Bereich berührt wurde. Zu den „Nürnberger Rassegesetzen“ hat die Bekennende Kirche auf der Steglitzer Synode nur halbherzig Stellung genommen, zum Novemberpogrom 1938 schweigt sie überhaupt.

Bonhoeffer hatte schon im April 1933 in einem Vortrag vor Berliner Pfarrern auf die Notwendigkeit des politischen Widerstands angesichts der Entrechtung der Juden hingewiesen. Mit Datum 9.11.1938 finden sich nun in seiner Bibel zwei Verse eines Psalms unterstrichen, in denen die ganze Betroffenheit über die Reichspogromnacht zum Ausdruck kommt: „Sie verbrennen alle Häuser Gottes im Land.“

Die Diskriminierung der „Nichtarier“ durch das NS-Regime trifft auch die Familie Bonhoeffer: Gerhard Leibholz, Professor für Staatsrecht in Göttingen und Gatte von Dietrichs Zwillingsschwester Sabine, zählt zu den Verfemten. Er muss mit seiner Familie nach London emigrieren. Wie Pfarrer Franz Hildebrandt, seit den Studientagen engster Vertrauter Bonhoeffers. Als Pfarrer in London wird Bonhoeffer schon 1933/34 mit dem Schicksal der jüdischen Emigranten aus Deutschland konfrontiert.

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