Konspiration

bon_bio_konspiration„Wir werden uns jetzt für ganz andere Dinge gefährden müssen.“


„Während wir die Sonne genossen, dröhnte plötzlich aus den Lautsprechern des Lokals das Fanfarensignal für eine Sondermeldung: Frankreich hat kapituliert … Die Leute ringsum an den Tischen wussten sich kaum zu fassen; sie sprangen auf, einige stiegen gar auf die Stühle. Mit vorgestrecktem Arm sangen sie „Deutschland, Deutschland über alles“. Auch wir waren aufgestanden. Bonhoeffer hob den Arm zum vorgeschriebenen Hitlergruß, während ich wie benommen daneben stand. „Nimm den Arm hoch!“ „Bist du verrückt?“ flüsterte er mir zu, und hinterher: „Wir werden uns jetzt für ganz andere Dinge gefährden müssen, aber nicht für diesen Salut! “
(Eberhard Bethge)

Am 1. September 1939 überfällt Hitler Polen. Seit der Invasion in Österreich und der Tschechoslowakei waren die Kriegsvorbereitungen immer offensichtlicher geworden. Insgeheim hoffen alle Gegner, der Krieg würde die Krise des NS-Regimes einleiten und einen möglichen Umsturz begünstigen. Aber das Gegenteil tritt ein. Nach dem erfolgreichen Feldzug gegen Frankreich lässt sich Hitler als der „größte Feldherr aller Zeiten“ feiern. Das Regime scheint unangreifbarer denn je. Die Gegner stehen vor der Tatsache, dass die meisten Menschen in Deutschland den Kriegserfolg bejubeln, ohne zu fragen, wer den Preis dafür bezahlt.
Im Mai 1939 wird Dietrich Bonhoeffer der Musterungsbefehl zugestellt. Die immer schwieriger werdende Situation der Bekennenden Kirche und das sich abzeichnende Ende der Predigerausbildung in Pommern stellen ihn vor eine neue Situation. Er trägt sich mit dem Gedanken, zu emigrieren. Freunde aus New York organisieren eine Einladung zu einem Lehrauftrag am Union Theological Seminary. Es kann die Zurückstellung des Musterungsbescheids erreicht werden und Bonhoeffer fährt nach Amerika.
Nach fünf Wochen harten Ringens entscheidet er sich angesichts des drohenden Krieges zur Rückkehr nach Deutschland: In der klaren Absicht, nun den politischen Widerstand aktiv zu unterstützen. Er will mithelfen, dem Rad der Unterdrückungs- und Todesmaschinerie in die Speichen zu fallen. Wie viele in seiner Familie ist Dietrich Bonhoeffer davon überzeugt, dass Widerstand nur Erfolg haben würde, wenn wichtige Teile des Militärs dafür gewonnen werden könnten. Durch Vermittlung seines Schwagers Hans v. Dohnanyi, der unter Admiral Wilhelm Canaris und Oberst Hans Oster im Amt „Ausland/Abwehr“ des Oberkommandos der Wehrmacht als politischer Referent arbeitet, wird er dem Amt als ziviler Mitarbeiter zugeteilt. Offiziell steht er für militärische Aufträge zur Verfügung, tatsächlich konspiriert er für die Widerstandsgruppe um General Ludwig Beck, Canaris, Oster und v. Dohnanyi gegen das NS-Regime.
Mit Unterstützung des Amtes für Abwehr unternimmt er eine Reihe von Auslandsreisen nach Genf, Schweden, Norwegen und Rom, um über seine ökumenischen Kontakte bei den Alliierten Friedenschancen und Friedensbedingungen zu erkunden. Er ist auch an der Vorbereitung des „Unternehmen 7“ beteiligt, einer Aktion, mit der gefährdete Juden außer Landes gebracht werden. Seine Dienststelle befindet sich in München. Während seiner dortigen „dienstlichen“ Aufenthalte hält er sich jedoch die meiste Zeit im Kloster Ettal auf, wo im Winter 1940/41 größere Teile seiner „Ethik“ entstehen.

Facebook
Facebook
Google+
Google+
https://www.esh.jku.at/bonhoeffer/biographie/konspiration">
SHARE