Wiederstand

bon_bio_wiederstandWiderstand und Ergebung


„Ich habe in den letzten Jahren die tiefe Diesseitigkeit des Christentums kennen und verstehen gelernt; nicht ein homo religiosus, sondern ein Mensch schlechthin ist der Christ, wie Jesus Mensch war … Ich dachte, ich könnte glauben lernen, indem ich selbst so etwas, wie ein heiliges Leben zu führen versuchte … Später erfuhr ich und ich erfahre es bis zur Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt.“
(Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung)

Die meisten Briefe und Aufzeichnungen von Dietrich Bonhoeffer aus der Haft sind erhalten geblieben. Zum Teil wurden sie unter Mithilfe von Bewachern, zu denen sich ein Vertrauensverhältnis entwickelt hatte, aus dem Gefängnis geschmuggelt. Eberhard Bethge, Bonhoeffers Freund und Weggefährte seit den Finkenwalder Tagen, hat vieles davon später unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ veröffentlicht. In den an Bethge selbst gerichteten Briefen finden sich Entwürfe einer völlig neuen Theologie. Bonhoeffer spricht vom Christsein in einer mündig gewordenen Welt, von der Diesseitigkeit des Glaubens und von einer Kirche, die nur Kirche ist, wenn sie mit allen Menschen solidarisch ist.
Die Hoffnungen, die Dietrich Bonhoeffer, seine Familie und seine Freunde mit einem Umsturz in Deutschland verbinden, werden am 20. Juli 1944 zunichte gemacht. Schenk v. Stauffenberg wird noch am selben Abend mit zwölf Mitverschwörern erschossen, General Beck zum Selbstmord genötigt. Andere am Putschversuch Beteiligte werden vor dem „Volksgerichtshof“ Roland Freislers abgeurteilt und in Plötzensee ermordet. Unter ihnen auch der Stadtkommandant von Berlin, Paul v. Hase, ein Onkel Bonhoeffers. Sein Bruder Klaus Bonhoeffer und sein Schwager Rüdiger Schleicher werden gefangen genommen und noch knapp vor Kriegsende erschossen.
Auch Dietrich Bonhoeffers eigene Lage verschlechtert sich schlagartig: Im Zuge der nun folgenden Ermittlungen findet die Gestapo Akte, aus denen die Beteiligung der Gruppe um Canaris an der Verschwörung eindeutig hervorgeht. Dieser „Zossener Aktenfund“ enthält schweres Belastungsmaterial gegen das gesamte Amt „Ausland/Abwehr“, einschließlich Bonhoeffer.
Noch vor seiner Verhaftung hatte sich Dietrich Bonhoeffer mit Maria v. Wedemeyer, der Tochter eines Gutsbesitzers aus Pommern verlobt. Die Beziehung mit dem um 18 Jahre jüngeren Mädchen wird – trotz der schwierigen Umstände für beide – zu einem großen Rückhalt für Bonhoeffer. Nicht zuletzt durch Maria gelingt es ihm, die erste depressive Phase der Haft zu überwinden und zu neuer Zuversicht und neuem Tatendrang zu finden. Zwei Jahre können die beiden ihre Beziehung ausschließlich über Briefkontakte und kurze Gefängnisbesuche pflegen. Maria v. Wedemeyer ist die einzige, der es neben seinen Eltern erlaubt ist, Bonhoeffer im Gefängnis zu besuchen und ihm zu schreiben.
Der als „Brautbriefe Zelle 92“ herausgegebene Briefwechsel zwischen Dietrich Bonhoeffer und Maria v. Wedemeyer ist das Dokument dieser einzigartigen Beziehung. Seiner Verlobten und der Mutter hat Bonhoeffer zum Jahreswechsel 1944/45 auch das bekannt gewordene Gedicht „Von guten Mächten“ gewidmet

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